Sonntag, 24.06.2018

    Kanalrückstau

    Überflutungen durch Rückstau im Kanal verursachen in Kellern teilweise Schäden und Kosten und verursachen Kraft und Zeit. Moderne Rückstausysteme können Abhilfe schaffen.

    Starke Niederschläge, wie sie in Deutschland immer häufiger vorkommen, können Kanalnetze völlig überlasten. Wenn die Aufnahmefähigkeit überschritten ist staut sich das Wasser bis zur Straßenoberkante und sucht sich dann seinen Weg. Die Folge: Das Wasser drückt als so genannter Rückstau zurück ins Haus und verursacht Schäden an Gebäude und Hausrat. Die Klärung der Haftungsfragen ist dann oft langwierig und kompliziert.

    Rückstau kann immer vorkommen

    Das öffentliche Kanalnetz ist nur für eine bestimmte Wassermenge ausgelegt. Wenn es also länger stark regnet, kann es die gewaltigen Wassermassen nicht schnell genug ableiten. Der Wasserspiegel steigt dann bis zur Rückstauebene (in der Regel die Straßenoberkante) an. Bei Gebäudeteilen, die unterhalb dieser Ebene liegen, drückt dann das Wasser durch beispielsweise Bodenabläufe, Toiletten oder Waschmaschinen zurück ins Haus. Aber auch bei sonnigem Wetter ist man vor Rückstau nicht sicher. Denn auch durch Ablagerungen, Verstopfungen oder Rohrbrüche in der Kanalisation kann es zu Rückstau kommen.

    Die häufigsten Fragen und Antworten

    Ist Rückstau aus dem öffentlichen Kanal denn über­haupt möglich?

    Ist Rückstau aus dem öffentlichen Kanal denn über­haupt möglich?

    Eindeutig JA, bei fast allen Kanalnetzen handelt es sich um einen planmäßigen, dass heißt durchaus auch gewollten Zustand, der zum Beispiel bei stärkeren Regenereignissen regelmäßig auftritt. Grund: Hiermit verhindern die zuständigen Abwasserbetriebe eine Verschmutzung der Flüsse und Bäche. ln einem Abwasserkanal (egal ob Schmutz-, Regen- oder Mischwasser) können aber auch jederzeit Verstopfungen auftreten, die dann zu einem Rückstau führen.

    Müssen öffentliche Kanäle denn nicht immer so funktionieren, dass keine Überflutungen auftreten?

    Müssen öffentliche Kanäle denn nicht immer so funktionieren, dass keine Überflutungen auftreten?

    Eindeutig NEIN, aus technischen und Kostengründen werden öffentliche Kanäle so geplant und gebaut, dass sie nur bis zu Regenereignissen einer bestimmten Stärke noch einwandfrei funktionieren. Für stärkere Regenereignisse, wie einem Jahrhundertregen, wird ein Versagen des Systems ganz bewusst hingenommen. Dies entspricht dem Stand der Technik und ist auch sinnvoll, da dem privaten Anschlussnehmer technische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um sich gegen Rückstau zu schützen. Und da der Anschlussnehmer  über die Abwasserbeiträge und -gebühren das öffentliche Kanalnetz finanziert, ist diese Lösung in seinem interesse, weil es für ihn bezahlbar bleibt.

    Wie wurden Kanäle früher geplant und gebaut?

    Wie wurden Kanäle früher geplant und gebaut?

    ln der Regel so, dass bei relativ häufigen (meist einjährigen) Regenereignissen das Kanalrohr nur zu maximal 90 Prozent gefüllt war. Dieser Zustand wurde rechnerisch mit einem ziemlich ungenauen Verfahren nachgewiesen. Aus den Ungenauigkeiten des Bemessungsverfahrens und der begrenzten Teilfüllung ergaben sich nicht definierte Sicherheiten gegen Überstau und Überflutungen, so dass die Kanäle in der Realität dann viel seltener überlastet waren.

    Wie werden Kanäle heute geplant und gebaut?

    Wie werden Kanäle heute geplant und gebaut?

    Für kleine Entwässerungssysteme ist immer noch das früher übliche Verfahren zulässig. Alternativ möglich und für größere Systeme zwingend sind Simulationen mit Modell­rechnungen im Computer. Diese Verfahren sind erheblich genauer und können die Abflussvorgänge im Kanalnetz sehr präzise darstellen. Maßgebendes Kriterium ist nicht mehr die Füllung zu maximal 90 Prozent, sondern dass der Kanal nicht häufiger als nach dem Wasserhaushaltsgesetz zulässig überstaut. Da die Berechnungsverfahren weniger verfahrenseigene Sicherheitsreserven bieten, wird gegenüber dem früher üblichen Verfahren mit deutlich stärkeren Bemessungsregen gerechnet.

    Welche Rechtsgrundlage gibt es?

    Welche Rechtsgrundlage gibt es?

    Grundlage ist das Wasserhaushaltsgesetz des Bundes und wird im Landeswassergesetz NRW konkretisiert. In Moers ist die Entwässerungssatzung der ENNI Stadt & Service maßgebend. Es handelt sich um Ortsrecht. Die Satzung stellt damit für die Moeser Bürger eine rechtsverbindliche Form dar. ln der Moerser Entwässerungssatzung befindet sich folgender Satz:

    "Die ENNI Stadt & Service Niederrhein AöR haftet nicht für Schäden, die durch höhere Gewalt oder durch Nichteinhaltung der Rückstauebene durch den Grundstückseigentümer hervorgerufen werden. Sie haftet auch nicht für Schäden, die dadurch entstehen, dass die vorgeschriebenen Rückstausicherungen nicht vorhanden sind oder nicht ordnungsgemäß funktionieren".

    Was ist die sogenannte Rückstauebene und wo liegt sie?

    Was ist die sogenannte Rückstauebene und wo liegt sie?

    Dies ist die Höhe, bis zu der das Abwasser in den öffentlichen Abwasseranlagen bei planmäßigen und unplanmäßigen Betriebszuständen ansteigen kann und darf.

    Die Rückstauebene wird von der ENNI Stadt & Service AöR des öffentlichen Kanalnetzes festgelegt und ist in der Entwässerungssatzung definiert:

    "Die für eine ordnungsgemäße Rückstausicherung relevante Rückstauebene liegt 20 cm über der Straßenkrone."

    Gibt es Unterschiede bezüglich des öffentlichen Entwässerungssystems?

    Gibt es Unterschiede bezüglich des öffentlichen Entwässerungssystems?

    Grundsätzlich NEIN, die Sicherung gegen Rückstau ist erforderlich, unabhängig davon, ob man an ein Trenn- oder Mischsystem angeschlossen ist. Beim Trennverfahren müssen Sie sich in der Regel gegen Rückstau aus dem Schmutzwasserkanal, in einigen Fällen aber auch gegen Rückstau  aus dem Regenwasserkanal schützen. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn ein Hofeinlauf unterhalb der Rückstauebene liegt. Hinsichtlich der technischen Ausführung der Rückstausicherung gibt es je nach Verfahren allerdings große Unterschiede.

    Kann ich jedes Haus gegen Rückstau sichern?

    Kann ich jedes Haus gegen Rückstau sichern?

    Eindeutig JA, der hierzu erforderliche Aufwand ist aber sehr stark von der Art des Hauses und seiner Lage zum öffentlichen Kanalnetz abhängig.

    Welche Ablaufstellen muss ich sichern?

    Welche Ablaufstellen muss ich sichern?

    Alle Ablaufstellen für Schmutzwasser oder Regenwasser, die unterhalb der Rückstau­ebene liegen, müssen gegen Rückstau gesichert werden.

    Welche Ablaufstellen darf ich nicht gegen Rückstau sichern?

    Welche Ablaufstellen darf ich nicht gegen Rückstau sichern?

    Ablaufstellen, die oberhalb der Rückstauebene liegen, sind nach DIN EN 12056 mit freiem Gefälle hinter einer Rückstausicherung an die Hausanschlussleitung anzuschließen. Würde man diese Ablaufstellen in Fließrichtung vor der Rückstausicherung einleiten, so würden die Abwässer aus den hochliegenden Ablaufstellen bei geschlossenem Rückstauverschluss aus den Ablaufstellen unterhalb der Rückstauebene austreten und den Keller fluten. Für bestimmte  ältere Häuser (z.B. Flachdach mit innen­ liegenden Fallrohren) sind Sonderlösungen erforderlich.

    Ist der Einbau einer Rückstausicherung einfach?

    Ist der Einbau einer Rückstausicherung einfach?

    NEIN, die Sicherung gegen Rückstau ist eine Angelegenheit, bei der jedes Detail beachtet werden muss. Kleinste Fehler können dazu führen, dass die gesamte Schutz­ einrichtung nicht funktioniert. Und im Extremfall steht dann das neu eingerichtete Untergeschoss bis zur Decke unter Wasser.

    Wie unterscheiden sich die marktüblichen Rückstausicherungen?

    Wie unterscheiden sich die marktüblichen Rückstausicherungen?

    Hinsichtlich des Systems:

    • Systeme, die nur den Durchfluss verschließen (Rückstauverschlüsse mit Alarmmeldeeinrichtung, nur im Ausnahmefall zulässig)
    • Systeme, die auch bei verschlossenem Durchfluss das Abwasser aus dem Haus in den städtischen Kanal pumpen (Hebeanlagen)

    Hinsichtlich des durchfließenden Wassers:

    • Systeme für fäkalienhaltiges Abwasser
    • Systeme für fäkalienfreies Abwasser

    Hinsichtlich der Technik:

    • Schiebertechnik, eine Absperrplatte schiebt sich in den Abflussquerschnitt
    • Klappentechnik, eine Absperrplatte klappt in den Abflussquerschnitt
    • Quetschventile, das Rohr besteht auf einer kurzen Länge aus Gummi und wird von außen (z.B. mit Druckluft) zusammengedrückt
    • Hebeanlagen, bei denen das unter der Rückstauebene anfallende Abwasser mit einer Pumpe über die Rückstauebene gehoben wird (Rückstauschleife)

    Hinsichtlich der Bedienung:

    • Systeme, die bei auftretendem Rückstau automatisch schließen
    • Systeme, die manuell geschlossen  werden müssen (nicht zulässig)

    Welche Hersteller bieten Rückstauverschlüsse und - Sicherungen an?

    Welche Hersteller bieten Rückstauverschlüsse und - Sicherungen an?

    Beispiele ohne Wertung und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

    • Aco Passavant GmbH,Stadtlengsfeld
    • KesselGmbH, Lenting
    • Viega GmbH & Co. KG, Attendorn
    • Sentex GmbH, Wächtersbach
    • con-pat  GmbH, Wissen

    Wie komme ich an eine gute Beratung und Ausführung?

    Wie komme ich an eine gute Beratung und Ausführung?

    • In Moers geben wir, als zuständige Institution gerne eine entsprechende Beratung. Rufen Sie einfach an, wir helfen Ihnen gerne weiter.
    • Bei Neubauten lassen Sie sich bitte von Ihrem Architekten oder Fachplaner genau erklären, wie er den Rückstauschutz nach DIN EN 12056 und DIN 1986-100 geplant hat. Hinterfragen Sie möglichst jedes Detail.
    • Gute Ansprachpartner sind auch gute Fachbetriebe für Heizung, Lüftung, Sanitär, die Ihnen die Anlagen auch einbauen können.
    • Kontakt zu diesen Fachbetrieben  bekommen Sie z.B. über die Innung.
    • Ingenieurbüros für Wasserwirtschaft. Bitte haben Sie aber Verständnis für ein erforderliches Honorar.

    Kann ich mich gegen Schäden aus Rückstau versichern?

    Kann ich mich gegen Schäden aus Rückstau versichern?

    Viele Versicherungsgesellschaften bieten einen Schutz gegen rückstaubedingte Schäden über sogenannte erweiterte Elementarschadensversicherungen an. Voraussetzung für einen Versicherungsschutz ist allerdings immer eine ordnungsgemäße Absicherung des Gebäudes gegen Rückstau.

    Sie müssen damit rechnen, dass bei einem Schaden von Ihnen der Nachweis über eine ausreichende Wartung verlangt wird. Erfahrungsgemäß wird dieser Punkt oftmals nicht ausreichend beachtet, so dass im Schadensfall der Versicherungsschutz gefährdet ist.

    Was geschieht nach dem Einbau?

    Was geschieht nach dem Einbau?

    Wie jede technische Anlage muss auch die Rückstausicherung regelmäßig und sorg­ fältig gewartet und gereinigt werden. Nach DIN EN 13564 zweimal pro Jahr. Nur so kann ein dauerhafter Schutz gegen Rückstau gewährleistet werden.

    Systembedingt bietet ein Rückstauschutz mit einer Hebeanlage (bei der das unterhalb der Rückstauebene anfallende Wasser mit Hilfe einer Pumpe über die Rückstauebene gehoben wird) hinsichtlich der Wartung Vorteile gegenüber Rückstauverschlüssen:

    • Durch mangelhafte Wartung bedingte Systemfehler werden bei der Hebeanlage in jedem Betriebszustand erkannt Bei Versagen ist der Schaden begrenzt, da der Schutz gegen Rückstau in der Regel nicht betroffen ist und nur das eigene Abwasser nicht abgepumpt wird.
    • Systemfehler bei Rückstauverschlüssen werden dagegen meist nur im konkreten Rückstaufall erkannt. Und dann ist es meist zu spät. Im Versagensfall ist dann der Schutz gegen Rückstau nicht mehr gegeben.

    Gibt es sonstige Risiken der Überflutung?

    Gibt es sonstige Risiken der Überflutung?

    Es gibt noch zwei weitere Gefahren, die zu einer Überflutung eines Gebäudes führen können:

    A) Gefahr durch oberflächige Überflutung von außen

    • Ein ordnungsgemäß ausgeführter Rückstauschutz  verhindert, dass unterhalb der Rückstauebene liegende Räume durch die Rohre des Kanal-Hausanschlusses geflutet werden.
    • Er kann jedoch keinen Schutz gegen den Zufluss von Wasser bieten, welches dem Grundstück oder dem Gebäude auf der Geländeoberfläche zufließt.
    • Entsprechende Situationen können durch Überlastungen  der öffentlichen Kanalisation oder großräumige Überflutungen bei Hochwasserereignissen eintreten.
    • Gegen solche Überflutungen hilft der sogenannte "gezielte Objektschutz"

    B) Gefahr aus Rohrverstopfungen im privaten Bereich

    • Gar nicht mal so selten treten Überflutungen in Gebäuden durch Verstopfungen von Leitungen auf.
    • Ursachen sind zumeist nicht fachgerecht verlegte Abwasserleitungen oder falsche Nutzung
    • Es ist nicht üblich, sich durch aufwändige Maßnahmen gegen solche Risiken zu schützen.