„Stillstand war für mich nie eine Option“
Es passt nicht zu seinem Naturell, mehr als 20 Jahre an einem Ort zu bleiben. Dass Stefan Krämer Moers trotzdem so lange treu geblieben ist, hat einen Grund: Enni wurde für ihn nie zur Routine. Jetzt geht der Vorstandsvorsitzende in den Ruhestand – und schaut im Interview zurück, obwohl er eigentlich immer lieber nach vorne denkt.
Herr Krämer, Sie sind mehr als 20 Jahre bei Enni geblieben und gelten gleichzeitig als jemand, der Veränderung sucht. Wie passt das zusammen?
Stefan Krämer: Das passt besser zusammen, als es auf den ersten Blick scheint. Ich war nie jemand, der stehen bleibt. Aber auch Enni ist in all den Jahren nie stehen geblieben. Es gab immer neue Aufgaben, neue Herausforderungen und neue Chancen, Dinge zu gestalten. Ich schaue selten zurück – mich interessiert eher das, was vor uns liegt. Und genau das hat mich hier gehalten.
Wenn Sie nun trotzdem mal zurückblicken: Was macht die Entwicklung von Enni für Sie aus?
Vor allem der Wandel. Als ich 2003 nach Moers kam, war Enni noch ein klassisches Stadtwerk. Heute sind wir eine breit aufgestellte Unternehmensgruppe mit Aktivitäten weit über die Region hinaus. Wachstum war dabei nie Selbstzweck, sondern notwendig, um langfristig handlungsfähig zu bleiben – für das Unternehmen, aber auch für unsere kommunalen Gesellschafter. Ein wichtiger Meilenstein war sicher 2007, als mit der Gründung der Städtischen Betriebe Moers und der Bädergesellschaft eine neue Dienstleistungsgruppe entstanden ist. Das hat uns in der Breite deutlich nach vorne gebracht.
Sie sprechen oft von Mut und Veränderung. Was hat Sie dabei angetrieben?
Es gibt diese alte Weisheit: Wenn der Wind der Veränderung bläst, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen. Für mich sind Veränderungen nichts Negatives – im Gegenteil. Entscheidend ist jedoch, nicht einfach abzuwarten, was passiert, sondern Chancen frühzeitig zu erkennen, Risiken abzuwägen und zu handeln. Das war unser Ansatz – ob beim Einstieg in die Energieerzeugung, beim Ausbau des Vertriebs oder bei neuen Beteiligungen. Stillstand ist Rückschritt und war für mich nie eine Option.
Enni bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Kunden, Mitarbeitenden und Gesellschaftern. Wie haben Sie das erlebt?
Das ist tatsächlich ein Spagat. Kunden schauen natürlich auf Preise und Leistungen und äußern auch Kritik, wenn etwas nicht passt. Gleichzeitig erwarten unsere Gesellschafter – wie die Stadt Moers und die Stadt Neukirchen-Vluyn – wirtschaftliche Ergebnisse, weil sie auf diese Einnahmen angewiesen sind. Und auch die Mitarbeitenden brauchen Verlässlichkeit und Perspektiven. Die Herausforderung liegt darin, allen gerecht zu werden. Wirtschaftlicher Erfolg war nicht das eigentliche Ziel, sondern die Grundlage dafür, Verantwortung in der Region übernehmen zu können. Dass Enni heute ein wichtiger Partner für die Stadt und die Region ist, gehört deshalb ganz wesentlich dazu.
Enni steht auch für ganz konkrete Leistungen vor Ort. Was war Ihnen dabei wichtig?
Bei allem Wachstum ist klar: Unsere Wurzeln liegen in der Region. Mir war immer wichtig, dass die Menschen vor Ort spüren, was Enni leistet. Das zeigt sich zum Beispiel bei unseren Bädern: gute Angebote zu fairen Preisen sind in Zeiten knapper kommunaler Kassen keine Selbstverständlichkeit mehr. Oder bei der Stadtsauberkeit, bei der Pflege von Grünflächen oder bei Freizeitangeboten. Gleichzeitig geht es natürlich auch um Themen wie Energie und Infrastruktur, die man nicht immer sieht, die aber im Alltag unverzichtbar sind. Für mich gehörte beides zusammen: die sichtbaren Angebote und die verlässliche Basis im Hintergrund.
Enni hat früh auf die Energiewende gesetzt. Welche Rolle hat das für Sie gespielt?
Eine sehr große. Für mich war die Energiewende nie ein kurzfristiger Trend, sondern immer eine langfristige Verantwortung – auch mit Blick auf kommende Generationen. Als Vater von drei Kindern sieht man das vielleicht noch einmal intensiver. Gleichzeitig war klar: Solche Entscheidungen brauchen Mut, weil sie sich oft erst Jahre später auszahlen. Aber wenn man als kommunales Unternehmen glaubwürdig bleiben will, muss man solche Themen früh angehen.
Ein Punkt, der immer wieder betont wird, ist das Miteinander bei Enni. Was war da Ihr Ansatz?
Am Ende geht es nicht nur um Strategien oder Projekte, sondern um Menschen. Bei Enni haben Belegschaft, Betriebsrat, Geschäftsführung und Aufsichtsrat über all die Jahre hinweg an einem Strang gezogen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Dass sämtliche Entscheidungen im Aufsichtsrat in dieser Zeit einstimmig getroffen wurden, zeigt, wie tragfähig dieses Miteinander war. Dieses Vertrauen ist für mich vielleicht das Wichtigste, was bleibt.
Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, aufzuhören?
Weil es nie den perfekten Zeitpunkt gibt. Die Ideen und Ziele gehen nie aus – daran hätte es nicht gelegen. Mir war aber wichtig, ein stabiles, gut aufgestelltes Unternehmen zu übergeben. Und irgendwann gehört es auch dazu, Verantwortung weiterzugeben. Ich habe großes Vertrauen, dass sich Enni weiter positiv entwickelt – auch ohne mich. Das ist ein gutes Gefühl.
